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Bildung jenseits des Marktes? Bildung und neue Arbeit - was hat das miteinander zu tun?Carsten Ungewitter und Nils Adam / Diskurs e.V. November 2001 (erschienen in: CONTRASTE 207, 18. Jahrgang, Dezember 2001, S. 9)Nicht für die Schule lernen wir, sondern für... ? Lange Zeit war der zweite Teil der bekannten Sententia reichlich unbestimmt. Für das Leben? Das versuchten uns engagierte Pädagogen zu verkaufen. Die, die Latein lernten, wussten es besser: »Non scolae sed feli discimus« kalauerten sie und meinten: ... für die Katz, respektive für den Kater. Denn sie wussten, dass im Leben ganz andere Dinge gefragt sind, als die, die sie in Geometrie, in Geschichte, ja selbst in Deutsch oder Englisch lernten. Wer die aktuelle Debatte nicht nur um die schulische Bildung verfolgt, weiß wofür heutzutage wirklich gelernt wird: Für das Leben, insofern es mit Existenz gleichgesetzt wird, die ja bekanntlich gegründet wird. Sofern sie nicht durch einen lebenslangen Arbeitsplatz ohnehin abgesichert scheint. Gerade letzteren gibt es aber immer seltener - und aus der Schule kommen Jugendliche von denen ein großer Teil nur dank dem Sofortprogramm der Bundesregierung einen Ausbildungsplatz erhält (ca. 4 % finden bis zum 30. September keine Lehrstelle, im Osten sind es 6 %; 10 % aller Ausbildungsplatzbewerber gehen hier außerdem ohnehin in die westlichen Bundesländer). Die Reaktionen unserer Gesellschaft auf eine prekäre Ausbildungs- und Arbeitsplatzsituation könnten paradoxer nicht sein. Oder vielmehr: Politik und Gesellschaft reagieren in altbekannter Weise: mit der Individualisierung des Problems. Statistisch läßt sich ja gut belegen: Wer besser qualifiziert ist, wer bessere Schulnoten hat, bekommt leichter einen Arbeits- respektive einen Ausbildungsplatz. Und dahin geht auch die Diskussion: Überall entstehen Programme, die eine bessere »Kooperation« von Schule und Wirtschaft zum Ziel haben. Wenn die Wirtschaft ihre Anforderungen an Absolventen besser artikuliert, so die Überzeugung, und sich die Schule stärker an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiert, gelingt der Übergang von Schule zu Berufswelt leichter. Durch bessere Noten oder eine besser an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientierten Schule, entstehen aber noch keine Ausbildungsplätze. Was mit einer solchen Debatte vor allem erreicht wird, ist eine Verschärfung des Konkurrenzdrucks schon innerhalb von Schule und Ausbildung. SchülerInnen stehen sich heute also bereits in der Schule direkt als Konkurrenten gegenüber - fast ist man gewillt hinzuzufügen: ob sie es merken oder nicht. Konkurrenz gab es natürlich schon immer innerhalb von Schule. Aber, so meine These, die ich hier an einem Beispiel belegen möchte: sie war weniger umfassend, und hat weniger Themen- und Lebensbereiche betroffen. Sehen wir uns die neuen Lehrpläne in Thüringen an, die als Beispiel für einen allgemeinen Trend gesehen werden können. In einem neuen Lehrplankonzept, das von vielen Pädagogen als zukunftsweisend gesehen wird, wurde vor ca. drei Jahren ein Kompetenzmodell eingeführt, das neben der Sachkompetenz vier andere Kompetenzbereich für die Ausbildung der SchülerInnen betont. Methodenkompetenz, Lernkompetenz, Selbstkompetenz und Sozialkompetenz werden hier als persönliche Fähigkeiten angesehen, die auch in die Leistungsbewertung mit einfließen sollen. »Alle Lehrpläne stellen Kontrolle und Bewertung in den Kontext des Kompetenzmodells und signalisieren, dass ein mehrdimensionaler Lernprozess mehrdimensionale Formen von Kontrolle und Bewertung erfordert.« (Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien, 1998) Was bedeutet dies? Überspitzt formuliert: Nicht nur die Mathematikkenntnisse werden Gegenstand der Leistungsbewertung und somit der Konkurrenz zwischen den SchülerInnen, sondern auch die soziale Kompetenz. Was hier geschieht ist mehr als bedenklich. Auch vormals als humanistisch und emanzipatorisch eingestufte pädagogische Ziele wie Sozial- und Selbstkompetenz werden nun Teil der Leistungsbewertung. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass es gerade diese »Schlüsselkompetenzen« sind, auf die Unternehmen - so hört man es allenthalben - besonderen Wert legen. Das Problematische ist, dass wir kaum Bildungsinhalte finden werden, die unter unseren ökonomischen Bedingungen nicht in irgendeiner Form Bestandteil eines subtilen Systems von Leistungsbewertung und Wettbewerbssituation sind, oder dazu gemacht werden können. Weder Kreativität, noch soziale Kompetenz, ja nicht einmal Widerspruchsgeist und Widerständigkeit - es sei denn, sie artikuliert sich deviant - sind davor gefeit, als Bestandteil eines auf Effizienz und Profit ausgerichteten Systems vernutzt zu werden. Soziale Kompetenz wird dort pervertiert, wo sie in erster Linie als Schlüsselkompetenz beim Ausstechen der Konkurrenten angesehen wird. Das Beispiel der »Kaos-Pilots«1 in Dänemark, ursprünglich im Kontext hoher Arbeitslosigkeit aus einem Steetworkingprojekt für Jugendliche entstanden die bis dahin chancenlos schienen, suchtgefährdet waren und für gemeinhin als asozial gegolten hätten, ist in analytischer Hinsicht ein interessantes Beispiel: Die »besondere Fähigkeit« der Jugendlichen mit unvorhergesehenen, chaotischen Situationen umzugehen scheint ideal für den modernen Manager. Und in der Tat: mit diesem »humanen Kapital«, das sich die Jugendlichen in ihrer vermutlich meist keineswegs glücklichen Kindheit angeeignet hatten, können sie punkten - und Karriere machen. Natürlich nicht alle, aber darauf kommt es nicht an. Individuell natürlich ein Glücksfall. Gesellschaftlich möglicherweise katastrophal.1 So ist aus den Kaos-Pilots auch längst eine international bekannte und begehrte Bildungsstätte für die Macher von Morgen entstanden. Klar ist, dass es für eine Gesellschaft insgesamt fatal wäre, wenn wünschenswerte persönliche Eigenschaften, die altmodisch mit »humanistisch« oder einfach »gut« bezeichnet werden könnten, nur insofern entwickelt werden, wie es für den unternehmerischen Erfolg von Interesse ist. Kreativität ist gerade das, was sich nicht kanalisiert entwickeln läßt, sondern das, was auch grundsätzliche Bedingungen infrage stellt. Kein Ausweg in Sicht? Wenn selbst die ehemals revolutionären Umtriebe eines Franfkurter Strassenkämpfers sich als hochgradig kompatibel mit einem System der maximalen Profiterwirtschaftung erweisen? Arbeit und Arbeitslosigkeit sind die Themen, an denen sich die Probleme der oben beschriebenen Widersprüche von Konkurrenz und Solidarität (im Schulischen Kontext: »soziale Kompetenz«) kristallisieren. Sie selbst müssen zum Inhalt (nicht nur) der schulischen Bildung werden. SchülerInnen müssen die Möglichkeit bekommen, sich die Debatten um Arbeit und Arbeitslosigkeit, um die Zukunft der Arbeit und das oft prophezeite Ende der Arbeitsgesellschaft selbst anzueignen. In diesen Debatten steckt das Potential, neu über Begriffe wie Solidarität und soziales Handeln nachzudenken. In der Schule muss also ein Kommunikationsraum entstehen, der die Befürchtungen Jugendlicher vor Arbeitslosigkeit nicht in Richtung Konkurrenzdruck lenkt, sondern versucht, diese Ängste in gesellschaftliche Handlungsfähigkeit zu verwandeln. (Die Autoren sind Mitarbeiter des Diskurs e.V., der mit seinen Seminaren »Arbeits- und Berufsorientierung in einer sich verändernden Arbeitsgesellschaft« versucht, mit SchülerInnen über die Zukunft unserer Arbeitsgesellschaft ins Gespräch zu kommen.) |
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Kinder (er)leben Demokratie - Förderung demokratischer Kompetenzen bei Grundschulkindern
Zum dritten Mal in Folge lud der DisKurs e.V. ...
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Der Film ist fertig. Premiere war am 21. Mai 2003 im Kinoklub am Hirschlachufer in Erfurt.
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