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Next: Geschichten nicht nur als Up: Arbeitserzählungen - Sinn und Previous: Zunächst zu den Geschichten Wilhelm Schapp & das Verstrickt-Sein in GeschichtenDazu möchte ich kurz die Philosophie der Geschichten, skizzieren, wie sie von Wilhelm Schapp, Schüler von Husserl in den 50er Jahren ausgearbeitet wurde. Von Schapp stammt die These, des Verstrickt-Seins in Geschichten. Zu den Dingen und zu den Menschen gelangen wir nur über deren Geschichten. Jeder Mensch ist in eine Vielzahl von Geschichten verstrickt. In seine eigenen Selbstgeschichten, wie in die Fremdgeschichten anderer Menschen oder in die Geschichten einer Gesellschaft oder Epoche. Jede Geschichte hängt mit unzähligen anderen Geschichten zusammen. Geschichten tauchen plötzlich auf, aus Stichwörtern und Überschriften heraus und verweisen an ihren Horizonten auf andere, frühere, vergangene oder zukünftige Geschichten. Geschichten präsentieren sich bei Schapp als »fundamentale Gebilde« und »letzte Zusammenhänge« (Müller 1986, S. 55), hinter die auch die Einzeltheorien der Sozialwissenschaften nicht zurückgehen können. Das heißt auch: Sowohl der Zugang zur eigenen Person als auch der Zugang zu fremden Personen und der zur »objektiven Welt« gelingen nur über die jeweiligen Geschichten. So gesehen sind die Geschichten nicht in der Welt, sondern die Welt ist in den Geschichten. Sinn und Bedeutung entsteht - in der Auffassung der Geschichtenphilosophie - dadurch, daß die einzelnen Geschichten miteinander zusammenhängen, und auf einander bezogen werden können. Sinn und Bedeutungskonstruktionen vollziehen sich so nicht anhand abstrakter Begründungen sondern sind ebenfalls eingebettet in die jeweiligen Geschichten, in die ich verstrickt bin. Sinn entsteht durch das Anknüpfen und Weitererzählen der eigenen Geschichte wie auch durch den Bezug auf Fremdgeschichten oder gesellschaftliche Geschichten. Wie eine solche Erzählung aussehen kann, möchte ich an einer weiteren Erzählsequenz zeigen: Frau Scherf, 58 Jahre erzählt:
[Passage 2, Scherf 100:134]
und dergleichen und sofort und da hab ich eben auch planungseitig als Leiter Planung gearbeitet habe auch stellvertretender Fachdirektor Ökonomie gemacht ja und was hat mir die Arbeit gegeben-des is so auch als die Kinder geboren wurden stand eigentlich nicht zur Debatte daß man aufhört erstens man hatte ne bestimmte Qualifikation wollte man diese verantwortliche Tätigkeit weiter ausführen mußte man einfach vollbeschäftigt sein das hatte man in sechs Stunden oder fünf Stunden gar nicht geschaft. oder wenn man sich entschieden hätte (.) man arbeitet verkürzt dann hätte man eben diese Tätigkeit nicht mehr ausführen können und (.) ja ob einem das dann noch Spaß gemacht hätte und man eben ausgefüllt gewesen wäre kann ich nicht so beurteilen oder muß ich so beurteilen daß ich sage es hätte mir dann nicht mehr so viel Spaß gemacht obwohl auf der anderen Seite die Familie und grade auch Kinder n bißchen kurz kommen. es gab ja in der DDR vielfältige Kindereinrichtungen und die auch ich muß sagen (.) den Kindern gutgetan haben auch wenn manche Leute sagen die Kinder sind hier vorprogrammiert das sie nur noch strammstehen und die Hand heben wenns gesagt wird und aufs Töpfchen gegangen sind wenns- sicherlich ist hier ne Vereinheitlichung schon gewesen aber die Kinder sind selbständiger geworden die haben als sie in die Schule kamen mußten sich nicht erst an andere Kinder gewöhnen sie sind einfach selbständig und ham gewußt wie se sich verteidigen können wie se sich benehmen können unter Kindern und von der Seite her wars gut. und dann muß ich sagen in meinem Fall wars auch so als ich jung verheiratet war (.) wurde mein Mann äh sehr krank und da wars einfach notwendig daß ich weitergearbeitet habe es stand also gar nicht zur Debatte jetzt aufhören oder nur teilzeitbeschäftigt sein wir brauchten einfach des Geld und von der Seite her ähm war auch von dieser Seite her gar nicht so die Forderung jetzt Kind Familie aufhören zu arbeiten oder nur teilzeitbeschäftigt, und wie gesagt ich hatte auch nich die Ambitionen mm- mich da kürzer zu treten weil mir das einfach Spaß gemacht hat /I: hm// so mit mitn Kollegen zu arbeiten ich bin auch im Verkauf rumgekommen habe viel mit Leuten zu tun gehabt und es war vielfältig und abwechslungsreich es hat mir Spaß gemacht. und als die zweite Tochter kam (.) stand eigentlich die Diskussion gar nicht ich war in meinem Beruf aufgegangen und mußte einfach weiterarbeiten muß ich mal so sagen /I: hm//Auf die Frage, die in der Erzählung plötzlich auftaucht, was ihr die Arbeit gegeben hat, gibt die Erzählerin nicht etwa eine abstrakte Begründung, sondern fährt mit ihrer - biographisch strukturierten - Erzählung fort. Ihre Biographie selbst ist die Antwort auf die Frage danach, »was ihr die Arbeit gegeben hat«. Im Kontext der Geschichtenphilosophie könnte man sagen: Sinn besteht nicht aus abstrakten Kategorien. Diese sind immer nachrangig und wiederum Geschichten, die mit anderen Geschichten verwoben sind. Das was das Leben ausmacht, die Eigenschaften und Charakteristika der Personen, als auch ihr Wirken existiert nur in den Geschichten. Wenn wir wissen wollen, was Liebe ist, oder Haß, oder Arbeit dann können wir nicht umhin unsere eigenen oder die fremden Liebes-, Haß- oder Arbeitsgeschichten zu betrachten. Alles substantielle an derlei Kategorien muß nach Schapp aufgegeben werden.
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Der Film ist fertig. Premiere war am 21. Mai 2003 im Kinoklub am Hirschlachufer in Erfurt.
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